Atmosphäre
Immer wieder musste man sich von Fachmagazinen anhören, wie rückständig und
veraltet der Look der Point & Click-Adventures im 3rd-Person-Modus sei und
wie schlecht auch gerade deshalb deren Zukunft aussehe. Jedoch spätestens als

die Redakteure dieser Magazine Gina Timmins in Runaway über den Bildschirm
schreiten sahen, fraßen sie ihre Sätze.
Denn was Runaway (nicht nur mit der
schönen Gina) optisch zu bieten hat ist alles andere als altmodisch. So kommt
das Spiel mit einer wunderhübschen Comic-Grafik daher, die Walt Disney neidisch
machen könnte, würde er noch leben. Egal, ob Brian in einem Museum steht, durch
die Canions marschiert oder ein Wild-West-Dorf betritt – die liebevoll gezeichnete
Kulisse schafft stets die passende Atmosphäre begleitet von der ebenso
stimmungsvollen Musik.
Der Soundtrack des Spiels ist hochprofessionell
aufgenommen und weiß immer zum rechten Moment mit der richtigen Musik
einzusetzen. Dabei ist auch immer wieder eine abgeänderte Form des rockigen
Titelsongs „Run away if you can“ zu hören, der mir persönlich zwar ganz gut
gefiel, mich aber auch nicht euphorisch vor dem Computer herumzappeln ließ.
Zu wenig Abwechslung, aber scharfe Kurven
Generell fand ich die Hintergrundmusik in Runaway zwar insgesamt gelungen und
auch nie wirklich nervig, allerdings für meinen Geschmack zu wenig
abwechslungsreich, was aber auf das gesamte Ambiente des Spiels und damit
auch auf die Grafiken zutrifft. Wie gerne hätte ich noch ein paar mehr
Hintergründe gesehen, die nicht immer nur Wüsten- oder Canionlandschaften
zeigen.
Dieser sparsame Einsatz der Grafikpracht fiel mir auch noch auf anderen
Gebieten auf. So wurde auch an Aufwand gespart, was die Darstellung von
Animationen angeht. Denn in vielen Situationen im Spiel, in denen man sich
ein Feuerwerk der Animationskunst erwartet hatte, umgingen die Entwickler
die Arbeit, indem sie die handelnden Akteure einfach aus dem Bild marschieren
ließen oder die Kameraperspektive auf einen anderen Punkt lenkten während
die Aktion abläuft.
Somit gibt es im ganzen Spiel keine wirklich spektakuläre
Szene zu sehen, die man als echten Augenschmaus betrachten könnte, obwohl
die talentierten Designer von Pendulo Studios sicherlich dazu in der Lage
gewesen wären. Dennoch sind die Animationen der Charaktere schon so ein
absolutes Highlight. Denn jede Bewegung der 3D-Figuren läuft in einer
butterweichen Animation ab, die absolut realistisch wirkt. Sogar bei
Klettereinlagen, mit denen andere 3D-Designer ihre liebe Not hatten,
macht Brian Basco eine gute Figur.
Und vergessen sind die „Würfelmännchen“
aus Grim Fandango wenn der Blick auf Gina fällt, die mit ihren Kurven selbst
Kontrahentinnen wie Tomb Raider’s Lara Croft alt aussehen lässt.
Hallo Pixel
Schade auch, dass die Zwischensequenzen im Spiel nicht an den Glanz der
Spielgrafik herankommen. Denn die Cutscenes, in denen die Animationen
übrigens ebenfalls bestechend sind, sind zu pixelig geraten und auch hier
habe ich etwas Spezialität vermisst.
In den zahlreichen Zwischensequenzen,
die immer wieder das Spielgeschehen unterbrechen, sieht man meistens
zunächst Brian mit Sonnenbrille in einem Regisseur-Stuhl sitzen und hört
ihm dabei zu, wie er Vergangenes aus dem vorhergehenden Spielabschnitt
kommentiert und den nächsten einleitet. Danach beginnt dann die eigentliche
Sequenz – eine gute Idee, wie ich finde.
In manchen Cutscenes lässt jedoch die Wahl der „Kameraperspektive“ sehr zu
wünschen übrig. So sehen wir z.B. im Intro, während Gina von ihrer Flucht
erzählt, einmal so lange in das Gesicht von Brian, der Ginas Geschichte
lauscht, dass man sich schon fragt, ob das CD-ROM-Laufwerk nicht einen
Hänger hat (wo wir gerade dabei sind – das Spiel ist bei mir kein einziges
mal abgestürzt!). Zu allem Überfluss zeigt Brian in dieser Szene auch
keinerlei Gefühlsregungen in Form von Mimik und so ist das Einzige, was
dem Spieler auffällt, das ständige Augenzwinkern des Hauptcharakters.
Hervorzuheben sind allerdings das In- und Outro des Spiels. Besonders in
der Schlussphase von Runaway bekommt der Spieler viele hübsche Cutscenes
zu sehen und die endgültige Schlusssequenz ist in Begleitung des klasse
Credits-Songs (ein Remix des Hauptthemas) auf jeden Fall der cineastische
Höhepunkt des Spiels.
Super Sprecher
Ein weiterer Höhepunkt des Spiels, der nicht vergessen werden darf, sind auch die
Synchronsprecher. Vor allem der Sprecher von Brian Basco, den man aus Filmen als
die deutsche Stimme von Brad Pitt kennt, macht unseren Helden erst so richtig
sympathisch.
Aber auch die anderen Sprecherparts sind durchweg mit Profis
besetzt, die ihren Job einwandfrei erledigt haben und den oberflächlich
ausgearbeiteten Neben-Charakteren doch noch ein bisschen Leben einhauchen
konnten. Auch unter den Nebendarstellern wird man sicherlich die ein oder
andere Stimme wieder erkennen wie z.B. Sascha Draeger – Vielen bekannt
als Tarzan bzw. Tim aus der TKKG-Hörspielreihe.
Die deutsche Synchronisation
des Spiels ist absolut gelungen. Diesbezüglich brauch sich Runaway keineswegs
hinter anderen Adventure-Hits der „Großen“ aus den letzten Jahre zu
verstecken.
Die Frage mit der sich alle Reviews zu Runaway beschäftigen: Ist Runaway die
Rettung des Adventuregenres?
Nun muss man sich natürlich erst im Klaren darüber
werden, was ‚Rettung’ in diesem Zusammenhang überhaupt bedeutet. Denn meint man
es im Sinne von ‚Revolution’, so kann die Frage eindeutig mit ‚nein’ beantwortet
werden, da das Spiel im Prinzip nichts Neues bietet.

Ob das Spiel also eine
‚Rettung’ ist, lässt sich eigentlich nur am kommerziellen Erfolg des Produktes
feststellen. Schließlich hängt es genau davon ab, ob Firmen weiterhin Geld in
die Produktion von Adventures stecken werden. Und somit kann ich angesichts der
Verkaufszahlen von Runaway sagen, dass es dem Genre nur zuträglich sein kann,
wenn es einem Adventure nach langjährigem Hickhack schließlich doch gelingt in
nahezu ganz Europa und sogar in den USA zu erscheinen, dazu noch vorzüglich
übersetzt wird und sich in den deutschen Spielecharts sogar in eine Reihe mit
Blockbustern wie Warcraft 3 und Unreal 2 einordnen kann.
Meine persönlich Meinung zu Pendulo’s Überraschungstitel ist: Runaway ist ein
technisch nahezu perfektes Adventure und eines der wenigen der letzten Jahre,
welches die Spieler wieder mit richtig knackigen Rätseln versorgt.

Allerdings
wurde zu oft im Rätseldesign über das Ziel hinausgeschossen, indem man mit
unfairen Mitteln am Schwierigkeitsgrad und vor allem an der Spieldauer
geschraubt hat. Das ist der falsche Weg, neue Adventurefreunde zu gewinnen.
In Sachen Lokalisierung und Synchronisation ist Runaway ein Vorbild für
kommende Adventures – hätte man noch mehr an der Story und den Charakteren
gefeilt, wäre das Spiel viel atmosphärischer gewesen und würde einem bestimmt
länger im Kopf haften bleiben.
Klar ist jedoch – wenn wir in Zukunft wieder mehr Adventures, vielleicht auch
wieder von LucasArts oder Sierra, zu sehen bekommen, dann haben Pendulo Studios
auf jeden Fall einen Teil dazu beigetragen.