
Bete, dass es nur ein Alptraum ist!
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Gameplay und Fazit
(Nicht alle Screenshots vergrößerbar!)
1995 veröffentlichte „Sierra On-Line“ Roberta Williams’ Horroradventure Phantasmagoria.
Um kaum ein anderes Spiel wurde bis dato soviel Trubel gemacht.
Mit Phantasmagoria schrieb
Roberta Williams PC-Spiel-Geschichte und schuf gleichzeitig das krasse Gegenstück zu ihrer
ebenfalls erfolgreichen Adventure-Reihe King’s Quest.

Trautes Heim - Glück allein. Der jungen Horrorromanautorin Adrienne Delaney ist dieses Glück
nicht vergönnt. In der ersten Nacht im neuen Heim, einem riesigen alten Herrenhaus an der Küste
New Englands, das sie mit ihrem Ehemann Don Gordon bezogen hat, wird sie von einem grauenhaften
Alptraum unsanft aus dem Schlaf gerissen.
Wer konnte auch ahnen, dass im letzten Jahrhundert
in diesem Gebäude ein scheinbar wahnsinniger Varietekünstler namens Zoltan Carnovasch gelebt
hat, dessen vier Ehefrauen zu allem Überfluss auch noch allesamt unter mysteriösen Umständen
ums Leben gekommen sind? Die Leute des benachbarten Ortes Nipawomsett wollen von der
ganzen Geschichte wenig wissen und erst recht nicht der Makler, der Adriennes Göttergatten
dieses „Geisterschloss“ aufgeschwatzt hat.
Aber seien wir mal ehrlich: Einem geschenkten
Gaul schaut man nicht ins Maul, oder?

Doch schon am nächsten Tag nimmt das Unheil seinen Lauf: Während Don mit der Einrichtung seines
Fotolabors im Haus beschäftigt ist, kundschaftet Adrienne ihr neues Zuhause leider etwas zu
genau aus. Als sie eine kleine Kapelle entdeckt, setzt sie dort ahnungslos einen Dämonen frei.
Von da an beginnt sich ihr liebender Gatte zu verändern...
Phantasmagoria setzte mit seiner Mischung aus „Full Motion Video“ (FMV)- und üppigen
SVGA-Grafiken in einer Auflösung von 640x480 Pixeln im 256 Farben Modus neue Maßstäbe in
Sachen Grafik. Zwar wurden schon zuvor Spiele mit diesen Elementen entwickelt, jedoch war
Phantasmagoria das erste, in dem Schauspieler mehr oder weniger genau in eine 3D-Szenerie
eingesetzt wurden.

Die 4 Millionen Dollar schwere Produktion dieses Spieles ähnelte vielmehr der eines
Hollywood-Streifens, als der eines Computerspiels. So wurden für die einzelnen Charaktere im
Spiel fast ausnahmslos professionelle Schauspieler wie Victoria Morsell (hatte auch einmal
einen Auftritt in der Mysteryserie Outer Limits) als Adrienne, David Homb (trat u.a. auch in
einer Folge von JAG auf) als Don oder Robert Miano (im TV u.a. mal bei Frasier zu sehen) als
Zoltan, engagiert. Die Schauspieler wurden bei all ihren Szenen vor Bluebox-Hintergründen
gefilmt, die dann später durch gerenderte 3D-Hintergründe ersetzt wurden.

Einige, sehr realistisch wirkende, Spezialeffekte (z.B. eine Kopfspaltszene), für die das
Erfolgsproduktionsteam „Kronos“ (Batmans Rückkehr) zuständig war, sind außerdem als gewichtiger
Grund anzusehen, dass das Spiel in fast allen Ländern der Welt ab 18 Jahren freigegeben und in
manchen gar nicht auf den Markt gekommen ist.
Diese Form von Splatter-Horror ist allerdings
nicht der wesentliche Bestandteil des Spiels, sondern, denke ich, eher ein „optisches
Schmankerl“, auch um zu zeigen, was die Entwickler filmtechnisch auf dem Kasten haben, so wie es
heutzutage mit schön gerenderten, actionreichen 3D-Film-Sequenzen der Fall ist.
Während die Schauspieler in einigen Szenen wirklich hervorragend in die Umwelt eindigitalisiert
wurden, gibt es aber wiederum auch viele Szenen, bei denen die Schauspieler grottenschlecht
ausgestanzt wurden und sich diese deshalb durch hässliche Ränder von ihrer Umwelt abheben. An
manchen Stellen wirken die Figuren außerdem so stark verpixelt, dass man genauso gut einen
animierten 2D-Charakter a la Gabriel Knight 1 hätte einsetzen können, da der Unterschied kaum
augenscheinlich wäre.

Die Qualität der FMV-Grafik schwankt also im Spiel (nicht aber in den Filmsequenzen) von
schlecht bis zu ziemlich gut.
Die SVGA-Grafiken sind dagegen natürlich beständig und sehr hübsch geraten, wobei das „hübsch“
allerdings durchaus wörtlich zu nehmen ist und dies in einem
Horrorfilm... Verzeihung... Horroradventure ja nicht unbedingt immer von Vorteil ist. So ist das
Haus mit seinen Räumen und Kammern sehr schön und geheimnisvoll wirkend gelungen, dagegen aber
die Außenwelt, insbesondere das kleine Dorf Nipawomsett, ziemlich kuschelig und farbenfroh.

Andererseits kann man dies auch als Mittel dazu sehen, dass sich der Spieler außerhalb des
Gebäudes geborgener und sicherer fühlt, da es schließlich gegen Ende des Spiels für den Spieler
nur noch das eine Ziel gibt: Die Flucht ins Freie.
Die Hardware-Anforderungen waren damals nicht ohne, sind heute aber nicht mehr der Rede wert:
Mit einem 486er mit 8 MB Ram ist man dabei.
Da ich mittlerweile auch die englische Originalversion von Phantasmagoria gespielt habe,
bin ich, was den Sound oder besser gesagt die Synchronsprecher angeht, nun insgesamt etwas
milder gestimmt. Denn die amerikanischen Stimmen, die selbstverständlich die der Schauspieler
sind, gefallen mir doch sehr gut und sind in der Lage, Emotionen auszudrücken, was bei einem
Spiel wie diesem sehr wichtig ist. Die einzigen Störfaktoren in der amerikanischen Version
sind das Rauschen, das einige Sprechparts begleitet und das Hallen der Stimmen, was im Haus
zwar passend, im Freien aber etwas seltsam klingt.
Was man dagegen in der deutschen Version zu hören bekommt grenzt an eine Katastrophe. Zum Einen
ist es deutlich hörbar, dass einige Stimmen von ein und der selben Person gesprochen wurden,
was ich schonmal für ziemlich störend empfinde. Dann sind die Stimmen an manchen
Stellen im Spiel so leise, dass man die Boxen aufdrehen muss, um sie zu verstehen.
Wer danach natürlich vergisst, die Boxen wieder runterzudrehen, der kann bei einer der
folgenden „Erschrecker-Szenen“ schon mal einem Herzinfarkt nahe kommen - auch ein Weg,
Schocker zu erzeugen.
Desweiteren sind die Stimmen derart unsynchron gesprochen, dass es manchmal schon fast
lächerlich wirkt. Glücklicherweise ist die Endphase von Phantasmagoria so mitreisend und
intensiv, dass man nicht allzu sehr auf die Synchronisation achtet, denn sonst würde man vor
Lachen aus den Schuhen kippen, anstatt mit heftigst pochendem Herzen vor dem Computer zu
sitzen.
Aber auch die Besetzung der Sprecher in der deutschen Version halte ich für sehr schlecht.
So klingt die Stimme des wahnsinnigen Zoltan Carnovasch viel zu sanft und zu schwach. Und die
Stimmen von Carnos Frauen sind zu ausdruckslos. Die Spitze des Eisbergs ist jedoch, dass man
ausgerechnet die Sprecherrolle von Adrienne absolut fehlbesetzt hat. Warum musste man bitte
hier eine Person mit amerikanischem Akzent einsetzen, die noch dazu so klingt, als würde sie
sämtliche Monologe und Dialoge bei einer netten Tasse Kaffee vom Blatt ablesen?

Einige Szenen wurden überhaupt nicht in Deutsch synchronisiert, so dass Adrienne im Outro
plötzlich eine ganz andere Stimme hat.
Kurz gesagt: „Sierra“ hat bei der stimmlichen Übersetzung des Spiels absolut gepfuscht und da
fragt man sich wirklich - muss denn sowas sein? Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass es
damals in ganz Deutschland nicht ein paar Leute gegeben hätte, die dazu bereit gewesen wären,
mit ein klein bisschen Leidenschaft und für ein kleines Taschengeld einen Spiele-Top-Titel zu
synchronisieren.
Musikalisch ist Phantasmagoria mit stimmungsvollen Stücken untermalt. Bei diesen handelt es
sich um qualitativ hohe MIDI-Tracks. Und absolute Sound-Highlights sind die beiden Soundtracks
„Consumite Furore“ und „Take a Stand“, die erstklassig produziert sind und echte Kinoatmosphäre
aufkommen lassen.
© Dominik Weber & Schattenjaeger.de
Germany 2002